Sarajevo

🕐 1. Mai 2016Sarajevo, Bosnien und Herzegowina ☀
Nach dem fetten Leben bei Wolle in München sollten sich unsere Reisebedingungen zunächst drastisch ändern. Am Mittwoch fuhr Wolle uns zu einer Raststätte, ca. 15km südlich von München.
Glücklicherweise fanden wir sehr schnell eine Mitfahrgelegenheit in den Süden; ein deutscher Weinkenner names Dominic fuhr nach Udine, Italien, um sich bei einheimischen Winzern mit dem guten Stoff einzudecken. Er erzählte einige Takte zur Erkennung guten Weines auch in Deutschland, während wir die deutsche Grenze nach Österreich passierten. Er schien auch politisch sehr interessiert und so debbatierten wir einige Zeit über die amerikanischen Präsidentschaftswahlen, die Rechtswelle in Europa und europäische Politik. Nach etwa anderthalb Stunden jedoch gab es Probleme mit dem Wagen - er schien nicht mehr richtig Gas zu geben und eine Warnanzeige ging an; gezwungenermaßen mussten wir von der Autobahn runter, um uns nach einer Werkstatt umzusehen. Diese fanden wir in einem touristischen Dorf names Reitdorf (bei Freiach). Die Mechaniker dort benötigten 2 Stunden um den Wagen durchzuchecken, nur um festzustellen, dass mit dem Wagen scheinbar alles in bester Ordnung war. Da ihn die Sache nur 92€ kostete, setzte Dominic die nächsten 10 Minuten ein Loblied auf die Handwerker an.
Nicht viel später setzte er uns bei einer Raststelle vor Villach so gegen 18 uhr ab, die direkt vor dem Karawankentunnel lag; er musste seiner Route nach Süden folgen und wir lehnten sein Angebot, uns weiter in Italien abzusetzen, ab.

Nun begann also die erste Prüfung der wir unterzogen wurden, denn wie wir schnell feststellten war die Raststätte fast so ruhig wie ein Friedhof. Bald erfuhren wir auch wieso: wegen der massiven Schneefälle hatte es am Tunnel einen Unfall gegeben und dieser war für Stunden gesperrt. Ohne den Umweg zur Werkstatt hätte es uns vermutlich gereicht. Kein Auto bog mehr in die Raststätte ein und die Lastwagenfahrer betteten sich in ihren Lastwägen zur Ruhe.
Um 23 Uhr waren wir wegen der Sperrstunde in der Raststätte unglücklicherweise gezwungen die Nacht über in der Tankstelle zu verbringen, die 24/7 auf war. Da es den ganzen Tag über geschneit und die Schneewehen gegen Abend weiterhin zugenommen hatten, war alles arschkalt und glatt. Es war ziemlich unbequem auf Barstühlen zu nächtigen und dementsprechend fanden wir beide nur wenige Stunden Schlaf. Irgendwann gegen 8 Uhr am nächsten Morgen versuchten wir wieder, weiter zu kommen. Die Motivation sank stündlich. Irgendwann sah Davids Gesicht aus wie das weinende Emoticon bei Whatsapp. Das besserte meine Laune immerhin :D
Schließlich nahm uns ein hier nicht näher beschriebener Mann in einem nicht näher beschriebenen Wagen mit, der uns zu einer nicht näher beschriebenen Raststelle ein paar Kilometer weiter in Richtung Klagenfurt fuhr, von der wir zum Glück schnell wieder weg kamen.

Eine Frau names Tini mit einem echt großen Wagen fuhr uns bis Graz. Unterwegs zeigte sich, dass sie sehr vernünftig lebte: Sie sah Serien wie Game of Thrones und Breaking Bad und zockte gerne WOW (Anmerkung von David: Till geriet ins Schwärmen...). Ausserdem war es eines ihrer Hobbys Fantasyromane zu lesen und Computer-Spiel-Musik zu hören. Sie hatte eine vierjährige Tochter in Graz, wo sie lebte, obwohl sie ursprünglich aus Klagenfurt stammte. Sie bot uns an uns in Graz abzusetzen, wir jedoch lehnten erneut das Angebot ab und ließen uns nördlich Graz an einer Raststätte absetzen.
Wieder hatten wir Pech; denn wie bei den letzten beiden Raststätten war die Tankstelle auf der Seite der Gegenbahn angebracht – es fuhren also Autos in beide Richtungen. Der Verkehr hielt sich stark in Grenzen und keiner wollte uns mitnehmen. Wir saßen also nochmal 2 Stunden in der Kälte fest und hatten den aufrichtigen Wunsch, Österreich schnellstmöglichst zu verlassen. Schließlich nahmen uns ein paar Handwerker, Maler oder Mechaniker ein paar Kilometer mit auf eine mit Autos überquellenden Raststätte. Kaum nachdem wir angekommen waren fuhren aber irgendwie alle Autos weg und wir saßen wieder alleine in der Kälte fest...

...bis nach einer halben Stunde ein bosnischer Geschäftsmann mit Zweigstellen in Österreich und Deutschland uns gewillt, nein, sogar sehr zuvorkommend, eine Mitfahrt anbot. Wir wollten zwar nur bis nach Marburg kommen, er bot jedoch mit Freuden an, uns bis zu seiner Heimatstadt Sarajevo (Hauptstadt Bosnien - Herzegovina) zu fahren.
Er fuhr einen Mercedes der definitiv teurer gewesen ist als das Haus in dem ich lebe und kaufte erstmal die halbe Tankstelle leer. Nach nur wenigen Minuten passierten wir also die slowenische Grenze. Den Schnee hatten wir inzwischen gegen Regen eingetauscht. Wir fuhren 200, 250km/h und wir wären noch viel schneller gefahren, wenn die Autobahn nicht sehr kurvig gewesen wäre und unterhielten uns über Orte, an denen wir bereits gewesen sind. Er war sehr gebildet und sprach viele Sprachen: Bosnisch, Rusisch und Englisch, aber auch Deutsch und diverse osteuropäische Sprachen.
Bald schon hatten wir die Alpen hinter uns gelassen und fuhren durch Flachland. Überraschend schnell kamen wir zum Einbruch der Nacht bis zur bosnischen Grenzkontrolle an der wir ein bisschen länger warten mussten. Danach mussten wir erstmal tanken, da der Tank nur noch ca 20% Füllung hatte (als wir eingestiegen sind, hatte er komplett vollgetankt :o). Schließlich fuhren wir noch 250km auf Landstraßen bis nach Saravejo, welches wir gegen Mitternacht erreichten. Aufgrund unseres Zustandes ließen wir uns am ersten Hotel im Zentrum absetzen. Für 50€ stürmten wir ein Doppelzimmer und ratzten die kommenden 10 Stunden tief und selig.

Um 12 Uhr verließen wir das Hotel zum nächsten Café, hoben etwas Geld ab und suchten dank Wifi das Internet nach einem Hostel ab. Und wurden fündig; nur 5km weiter den Fluss entlang lag das „Travelers Home“, ein vollkommen zu Recht vielfach ausgezeichnetes und als „Bestes Hostel in Bosnien – Herzegovina 2014“ prämiertes Hostel.
Wir buchten für 2 Nächte ein Doppelzimmer im obersten Stock (welches das allerletze freie Zimmer war :o). Kostenpunkt: 10€ pro Nacht und Nase. Mit inbegriffen: Zwei Badezimmer, eine komplett ausgestattete Küche mit Gratis Tee und Kaffee (Herd, Wasserkocher, Geschirrspüler, Mikrowelle...), WiFi und mehrere Computer, von der Lage her im Zentrum gelegen nur wenige Minuten Fussweg zu Banken, Märkten, Restaurants und Touristenvierteln. Als wäre das nicht genug, war der Empfang noch sehr nett und empfahl uns einen guten Geldwechsler. Also verstauten wir unser Gepäck im Zimmer und besichtigten erst einmal ein bisschen die nähere Umgebung. Unterwegs wurde noch in einem Imbiss gegessen, ein sehr leckeres und billiges Gericht, das je nach Hauptzutat einen anderen Namen besaß. Meines war mit Fleisch und hieß Burek.

Nach ca. 2 Stunden der Stadtbesichtigung – es hat da auch sehr arme Viertel und (wie in jeder osteuropäischen Großstadt) sehr viele Strassenhunde – gingen wir zurück ins Hostel und buchten als erstes 2 weitere Nächte.
Am Abend kochten wir mit anderen Reisenden dort ein chinesisches Gericht, das Min, ein niederländischer junger Mann mit asiatischer Herkunft wohl gerne isst. Mit dabei waren ein Amerikaner namens Jake aus Seattle, eine Amerikanerin aus New York, ein Argentinier aus der Nähe von Cordoba stammend und noch andere coole Leute. Das Essen bestand aus 3 Gängen und danach wurde sich noch einer hinter die Binde gekippt.
Am Abend gingen Min, Jake, der Argentinier und wir in einen Jazz Club, nur etwa 100m vom Hostel entfernt und genossen Konversation und Musik. Um 2 Uhr nachts kamen wir wieder zurück und legten uns hin.

Am nächsten Tag schliefen wir lange und schafften es erst, um 12:30 aus dem Hostel zu kommen. Schließlich entschieden wir uns, einen Aussichtspunkt aufzusuchen, der uns vom Hotelier empfohlen worden war; er war in der Nähe gelegen und wir kamen unterwegs an einem Friedhof vorbei. Man hatte einen sehr guten Blick über die gesamte Stadt, aber nach etwa 20 Minuten bemerkten wir einen höher gelegenen Aussichtspunkt und wanden uns durch die unzähligen Gassen, bis wir ihn erreicht hatten. Von hier aus konnte man auch die Berge und Straßen im Tal sehen, die von Sarajevo wegführten. Abermals entscheiden wir uns, höher zu laufen, bis wir schließlich ganz oben standen. Durch eine unzählbare Anzahl von Gassen schlichen wir schließlich wieder zurück zum Hostel und aßen jeder noch einen leckeren Burek. Abends ging Dubel-D noch zum Jazz Club, zum Jammen.

Am Tag darauf schliefen wir bis Mittag und wechselten dann das Zimmer, da unseres an dem Tag reserviert war. Wir wollten etwas erleben und stiegen einen Berg in der Nähe der Stadt herauf. Scheinbar wurden dahin auch Führungen angeboten, da es auf dem Berg stillgelegte Rodelbahnen gab. Wir benötigten etwa 2 Stunden durch die Stadt – die wie immer voller Strassenhunde war – und den Wald, um bis auf den Gipfel zu kommen und machten dann eine Stunde Pause.
Die Aussicht war gigantisch. Auf der einen Seite die Berge, von Wolken umhüllt, auf der anderen die komplette Stadt.
Zurück ging es innerhalb einer Stunde. Es war zuerst geplant, in einem Supermarkt was fürs Abendessen einzukaufen aber es war der 1. Mai. Der 1. Mai ist Feiertag. An einem Feiertag sind die Läden dort zu und jeder, wirklich jeder, also ohne Ausnahme, egal ob draussen oder im Haus, egal ob Sonne oder Regen, ob Banker oder Angestellter... ja wirklich echt und wahrhaftig jeder in dieser Stadt GRILLT. Und es riecht als ob dabei alte Autoreifen verbrannt werden.
Schließlich begnügten wir uns mit einer Pizza.